Seit wann sammeln Sie Kunst?

Margit Biedermann: Eigentlich seit meinem 18. Lebensjahr. Mein erstes Bild habe ich gegen eine Armbanduhr und eine Schachtel Zigaretten getauscht und bin damit mächtig stolz auf dem Fahrrad nach Hause gefahren. Später, Ende der 1970er Jahre habe ich dann angefangen eine eigene Sammlung aufzubauen. Damals lebte ich mit meinem Mann in Berlin und da war es ganz selbstverständlich, dass mich die „Neuen Wilden", die figurative Kunst von Helmut Middendorf und Rainer Fetting besonders reizte. Wir bekamen eine kleine Finanzspritze und konnten ein erstes Gemälde von Middendorf kaufen.

 

Was brachte Sie zur Kunst, was interessiert Sie besonders?

Margit Biedermann: Ich bin sehr neugierig. Andere gehen in ein Restaurant, ich schaue mir Kunst an, besuche Galerien, Ausstellungen, Kunstmessen und Museen. Das hat mich schon immer fasziniert. Ich finde es spannend, wenn etwas Neues entsteht und die Arbeiten eine anhaltende Tiefe besitzen.

 

Wie schnell sind Sie beim Kauf und nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

Margit Biedermann: Das Werk muss besonders sein. Es gibt in mir einen Mechanismus, der sagt: diese Arbeit spricht mich an. Natürlich ist mir Qualität sehr wichtig, es muss handwerklich gut gemacht sein und ich muss lange damit kommunizieren können. Früher musste ich manche Bilder sofort haben, heute lasse ich mir mehr Zeit. Manchmal überlege ich dann, ob ich diese Arbeit aufhängen würde, wenn ich nur eine einzige Wand hätte? Würde sie mir dauerhaft gefallen? Ein Bild muss für mich spannend bleiben und die Sammlung positiv bereichern, auch neue Aspekte bringen.

 

Wer ist für die Sammlung verantwortlich? Berät Sie jemand?

Margit Biedermann: Ich entscheide selbst und bin alleine für die Sammlung zuständig.

 

Welches Sammlungskonzept, welche Ausrichtung verfolgen Sie?

Margit Biedermann: Mich interessieren vor allem Künstler, die neue Wege gehen. Zu Beginn habe ich mehr Figuratives gesammelt, doch die Tendenz geht in Richtung abstrakte Arbeiten und Materialbilder. Meine Sammlung besteht hauptsächlich aus Gemälden und Skulpturen. Von Medienkunst verstehe ich technisch zu wenig, das hat mich selten so stark beeindruckt.

Beispielsweise die Skulptur von Sebastian Kuhn aus drei Konzertflügeln ist eine eigenwillige Arbeit. Er hat die Flügel in Einzelteile zerlegt und mit PVC, Schrauben, Edelstahl und Wolle wieder neu zu einer großen raumgreifenden schwarz-weißen Skulptur zusammengefügt.

Ich möchte immer die Person hinter dem Werk kennen, daher sammle ich nur lebende Künstler und trete mit allen meinen Künstlern persönlich in Kontakt. Mich interessiert deren Entwicklung. Manchmal ist das eine echte Zusammenarbeit, wie etwa mit dem koreanischen Künstler Jinmo Kang. Wir kennen uns schon über 20 Jahre, er hat vor Ort eine Skulptur für das Museum erarbeitet: Die Äste eines Baumes wurden mit unterschiedlich dicken, teils ausgehöhlten Stahlrohren verzweigt, daneben ist ein massiver Stein als luftiger Umriss nachgebildet. Beide Skulpturen grenzen den Weg zum Park hin ab. Zu meinen Kriterien zählt auch, dass ich wichtige Arbeiten von Künstlern sammle. Manchmal muss man darauf warten. Middendorfs "Nashorn" beispielsweise konnte ich erst fünfzehn Jahre nachdem er es gemalt hatte erwerben. Ich will nicht irgendeine kleine Skizze besitzen, nur weil sie von einem bedeutenden Künstler stammt. Ich mag auf keine Wartelisten, mich interessiert Kunst nicht als Investment.

Manche meiner Künstler sind zwar noch nicht so bekannt, einige durchaus kompliziert, aber es geht immer um Vertrauen und ihre Arbeiten spiegeln ein hohes Maß an Ästhetik, Qualität und neuen Impulsen. Viele Sammlungen ähneln einander, ich nehme mir die Freiheit individuell zu sammeln.

 

In Ihrer Sammlung befinden sich viele Werke von italienischen Künstlern, wie kam es dazu?

Margit Biedermann: Kennen gelernt habe ich die römische Schule um Pizzi Cannella, Nunzio oder den Maler Paolo Serra über einen Galeristen aus Basel. In Italien existiert eine sehr interessante, junge Kunstszene, die qualitativ hochwertige und ästhetische Werke produzieren. Ich bin sehr gerne dort und werde immer fündig.

 

Sie sammeln viele "schwarze" Bilder, es gab sogar einen Ausstellungskatalog mit dem Titel: "Formen und Felder - Schwarze Kunstwerke aus der Sammlung Biedermann". Welche Bedeutung hat für Sie die Farbe Schwarz?

Margit Biedermann: Ich fühle mich immer wieder beinahe magnetisch angezogen von Kasimir Malevitschs schwarzem Quadrat. Danach kommt einfach lange nichts. Schwarz hat eine starke Präsenz, denken sie an die Bilder des flämischen Malers Frans Hals mit den schwarzen Samtkleidern, das setzt die Messlatte hoch. Zu den „schwarzen" Kunstwerken meiner Sammlung gehören auch David Nash' durch Feuer geschwärzte Holzskulpturen sowie Photografien von Martin d'Orgeval. In seiner Serie über die Osterinseln abstrahiert er Landschaft zu fluoreszierenden Flächen aus unterschiedlichen Schwarzschichten. Eigentlich sammle ich keine Photografie, diese Kunstsparte stellt auch andere Lageransprüche, aber die eigenwilligen Arbeiten von d'Orgeval ergänzen die Sammlung perfekt. Ich habe sie zufällig in einer Galerie in Rom entdeckt, der Künstler war anwesend, wir kamen ins Gespräch. Die Fotos wirkten auf mich fast wie Skulpturen oder Objekte, die den Raum verändern.

 

Weshalb entschieden Sie sich für ein eigenes Museum?

Margit Biedermann: Seit etwa zehn Jahren denke ich darüber nach, die Sammlung Biedermann an einem festen Standort zu präsentieren. Bisher waren einzelne Werke der Sammlung regelmäßig in Wechselausstellungen zu sehen und werden auch weiterhin für thematische Sonderausstellungen ausgeliehen, aber im eigenen Haus lässt sich eben selbstbestimmt ausstellen und in anderen Dimensionen sammeln.

 

Wie kamen Sie auf Donaueschingen, und warum wollten Sie kein neues Gebäude bauen lassen?

Margit Biedermann: Es gibt genügend Neubauten. Das Haus hat eine lange Geschichte: der klassizistische Bau im fürstlichen Schlossgarten, direkt an der Brigach gelegen, bot der Museumsgesellschaft ein Zuhause. Hier veranstaltete das Bildungsbürgertum Konzerte, Lesungen, spielte Billard und diskutierte. Es handelte sich um eine offene Begegnungsstätte, in der man sich mit unterschiedlichen Künsten befassen konnte. Die wunderschöne Lage an Fluss und Park hat für mich eine starke Ausstrahlung. Spannend ist auch der Kontrast zwischen dem alten, zweistöckigen Gebäude, das von den Schweizer Architekten Gäbele & Raufer so aufwändig wie sensibel umgebaut und modernisiert wurde, und den zeitgenössischen Kunstwerken. Die Räume eignen sich hervorragend für Ausstellungen. Wir haben die Fenster nicht zugemauert, weil wir nicht so viele Stellwände brauchen, da neben Gemälden viele Skulpturen gezeigt werden.

 

Welches Ziel verfolgen Sie mit ihrem Museum?

Margit Biedermann: Die Menschen sollen gerne kommen und hier einen Ort der Ruhe und Besinnung finden, um sich auf zeitgenössische Kunst einzulassen. Man kann den Museumsbesuch wunderbar mit einem Familienausflug verknüpfen. Unweit des Hauses liegen attraktive Ausflugsziele wie die Donauquelle. Wanderwege beginnen gleich hinter dem großen Park und inmitten dieser schönen Natur bietet das Museum Biedermann anspruchsvolle Kunst für Herz und Verstand. Ich möchte mich nicht mit der Tate Modern oder dem Museum Brandhorst messen, aber es soll nicht provinziell zugehen, wir wollen mit neuen Impulsen einen Beitrag zur aktuellen Kunstbetrachtung leisten.

 

 

Das Gespräch führte die Journalistin Ute Bauermeister am 08. Juni 2009

 

Museum Biedermann   :   Museumsweg 1   :   78166 Donaueschingen   :   Telefon: +49 (0)771-89 66 89-0